Entwicklung einer „Bildungs- und Gedenkstätte Max Leven“

Max Leven wurde in der Pogromnacht in Solingen ermordet. Quelle: Stadtarchiv Solingen

Der ehrenamtliche Arbeitskreis „Verfolgung und Widerstand in Solingen 1933-1945“ beschäftigt sich seit letztem Jahr mit der Entwicklung einer Ausstellung sowie Informationstafeln und Geschichtspfaden im öffentlichen Raum und weiteren Möglichkeiten, die Geschichte der Verfolgung und des Widerstands im Nationalsozialismus aufzuarbeiten und präsenter zu machen.

In Solingen war eine außergewöhnlich hohe Zahl an Menschen im Widerstand aktiv und natürlich auch von repressiven Maßnahmen bis hin zur Vernichtung betroffen. Man geht von über 1500 Männern und Frauen aus, die in der Klingenstadt versuchten Unterdrückung, Terror und Krieg etwas entgegenzusetzen. 57 von ihnen bezahlten diesen mutigen Einsatz mit ihrem Leben.

Bislang wird dieser Teil der Solinger Geschichte in der Öffentlichkeit vor allem durch Stolpersteine repräsentiert, die jedoch auf einzelne Opferbiographien fokussieren und keine zusammenhängende Aufarbeitung des gesamten geschichtlichen Kontextes ersetzen können. Es wäre daher wünschenswert, wenn auch in Solingen eine Gedenkstätte an einem authentischen historischen Ort entstehen würde. In anderen Städten in NRW haben solche Lern- und Begegnungsstätten riesigen Zulauf. Schulen müssen oft Wochen auf Besuchstermine warten.

Max-Leven-Gasse, Februar 2019. Foto: Daniela Tobias

Das Gebäude-Ensemble an der Max-Leven-Gasse / Am Neumarkt als ehemaliger Standort der „Bergischen Arbeiterstimme“ nebst Genossenschaftsdruckerei und Tatort der Ermordung des jüdischen Redakteurs Max Leven stellt in Solingen ein einmaliges historisches Erbe dar, das sowohl für die Verfolgung und den Widerstand während des NS-Regimes als auch für die Geschichte der Arbeiterbewegung in Solingen von Bedeutung ist. Das Gebäude-Ensemble ist als Teil eines von Historikern als „Arbeiter-City“ bezeichneten Bereichs zu betrachten. Hierzu zählen auch die in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden denkmalgeschützten Gebäude der AOK und des Spar- und Bauvereins.

Die VVN/BdA hat aus diesen Gründen im Mai letzten Jahres einen Antrag auf Denkmalschutz gestellt. Die Stadtverwaltung beauftragte daraufhin den Leiter des Solinger Stadtarchivs, Ralf Rogge, eine fachliche Einschätzung zur Denkmalwürdigkeit des Ensembles zu erarbeiten. Das Exposé wurde inzwischen der Solinger Kommunalpolitik übermittelt. Der Arbeitskreis „Verfolgung und Widerstand in Solingen 1933-1945“ erhielt durch die Kommunalpolitik Kenntnis dieses Exposés. Es enthält u. a. folgende Feststellung:

In keinem Gebäude der Klingenstadt bündeln sich die gesellschaftlichen Kräfte, Strömungen und Widersprüche von Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Regime so authentisch wie hier. (…) Die Erinnerungen an politisches und gesellschaftliches Engagement, die Bemühungen um Gerechtigkeit, gesellschaftliche Partizipation, Integration und soziale Anerkennung sind immer noch aktuell. Sie brauchen einen Erinnerungsort, einen möglichst authentischen. Einen geeigneteren als den Gebäudekomplex Am Neumarkt / Max-Leven-Gasse gibt es in Solingen dafür m. E. nicht.

Aus stadtgeschichtlicher Sicht empfiehlt sich daher der Erhalt des größten Teils des Gebäudekomplexes Am Neumarkt 23 / Max-Leven-Gasse 3-5 und seine Nutzung als stadthistorisches und sozialgeschichtliches Museum mit dem Schwerpunkt „Arbeiter- und soziale Bewegung“.

Ergänzung 28. Februar 2019: Das Solinger Tageblatt zitiert in seiner heutigen Berichterstattung die Pressestelle der Stadt Solingen dahingehend, dass die Äußerungen des Stadtarchivars Ralf Rogge seine persönliche Meinung wiedergeben und die Stellungnahme aus dem nicht-öffentlichen Teil einer Sitzung des Verwaltungsrats der Stadt-Sparkasse stamme. Der Arbeitskreis weist darauf hin, dass das Exposé seines Wissens im Auftrag der Stadtverwaltung erstellt wurde und es sich somit um eine fachliche Expertise und keine Privatmeinung handelt. Im übrigen wurde das Exposé nicht aus dem Verwaltungsrat sondern aus der Kommunalpolitik übermittelt.

Im vorderen Teil (heute Am Neumarkt 23) befanden sich laut Änne Wagner die Buchhandlung und die Redaktionsräume der Bergischen Arbeiterstimme. Im hinteren Teil (heute Max-Leven-Gasse 3-5) befanden sich die Wohnung von Max Leven und die Genossenschaftsdruckerei.

Der Arbeitskreis hält es für dringend an der Zeit eine breite Öffentlichkeit über die Bedeutung des gesamten Komplexes und sein Potential zu informieren, da in Zusammenhang mit den Neubauplänen durch die Stadtsparkasse Solingen bisher nur die Rede von einem Gedenken an Max Leven die Rede war, ohne dies näher zu spezifizieren. Es wäre wichtig, zu prüfen, ob über die Unterschutzstellung des Gebäude-Ensembles hinaus an diesem Ort eine – unseres Erachtens dringend erforderliche – Bildungsstätte eingerichtet werden kann.

Dazu möchte der Arbeitskreis zeitnah möglichst viele relevante Akteure und Interessierte an einen Runden Tisch zu Werkstattgesprächen zusammenbringen, um gemeinsam mit Experten aus dem Bereich der Gedenkstättenarbeit Ideen und Konzepte zu entwickeln sowie Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten auszuloten. Wir denken, dass die Solingerinnen und Solinger mit der Stadtsparkasse einen starken Partner hätten, diese einmalige Chance zu ergreifen und endlich einen sichtbaren, zentralen und authentischen Ort zu schaffen, an dem Erinnerungs- und Bildungsarbeit zur Solinger NS-Geschichte stattfinden kann.

Auch Finn Grimsehl-Schmitz vom Jugendstadtrat betonte uns gegenüber, wie wichtig ein als historisch empfundener Ort für die Vermittlung an Jugendliche ist. „Nicht umsonst ist das Anne-Frank-Haus in Amsterdam eines der meistbesuchten Museen weltweit. Hier hat man das Gefühl tatsächlich den Spuren der damals Betroffenen zu folgen.“ Für eine Gedenkstätte in Solingen wünscht er sich interaktive Elemente, die eine intensive Einbindung und Auseinandersetzung der Besucher ermöglichen. „Vor allem Zeitzeugeninterviews sollten hier zugänglich gemacht werden.“ Der Jugendstadtrat würde eine Einbindung des Gremiums in die weitere Planung begrüßen.

Am 27. Februar 2019 fand vor Ort ein Pressegespräch auf Einladung des Arbeitskreises statt. Der Unterstützerkreis Stolpersteine für Solingen unterstützt den Arbeitskreis in seinen Bemühungen um die Entwicklung einer Gedenkstätte. Eine Kontaktaufnahme für alle, die an einer Mitarbeit interessiert sind, ist unter info@stolpersteine-solingen.de möglich.

Fotos: Daniela Tobias, Hans-Günter Koch bzw. Stadtarchiv Solingen

Weiterführende Literatur:

  • Inge Sbosny, Karl Schabrod (Hg.): Widerstand in Solingen – Aus dem Leben antifaschistischer Kämpfer, Frankfurt am Main, 1975
  • Solinger Geschichtswerkstatt – Manfred Krause (Hg.): „…dass ich die Stätte des Glückes vor meinem Tode verlassen müsste“ – Beiträge zur Geschichte jüdischen Lebens in Solingen. Solingen 2000
  • Stephan Stracke: Der Novemberpogrom 1938 in Solingen im Spiegel der Justiz, Solingen 2018
  • Wagner, Änne: Gegen den Strom? Lebenserinnerungen 1904-1945, Solingen 2000
  • Olaf Link, Johanna Precht: Solingen – Unglaublich wahre Geschichten, Solingen 2017
  • Rheinisches Industriemuseum, Außenstelle Solingen (Hg.): City-Wanderung durch Solingen, Solingen 1985
  • Klaus Novy, Arno Mersmann, Bodo Hombach: Reformführer NRW – soziale Bewegungen, Sozialreform und ihre Bauten, Köln/Weimar/Wien, 1991